Willow Creek Revealed (German)

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In what follows we offer a German review of the 2007 Willow Creek book, Reveal: Where Are You?[1] that has already generated some discussion. An English version of this piece is also available.

Contents

[edit] Einleitung

Bei dem Buch Reveal: Where Are You?[2] handelt es sich um das neueste Produkt der aus der Willow Creek Community Church in den USA erwachsenen Willow Creek Association. Es geht von der schlichten Beobachtung aus, daß das quantitative Wachstum einer Gemeinde nicht notwending mit dem qualitativen, geistlichen Wachstum ihrer Glieder einhergehen muß. Diese Einsicht könnte man als Gemeinwissen ansehen, für Bill Hybels, den Senior der Willow Creek Community Church, war sie jedoch überraschend. Und im Zeitalter soziologischer Methoden in der Kirche muß diese Einsicht natürlich auch durch aufwendige Umfragen abgesichert und bestätigt werden. Jetzt haben wir sie also Bunt auf Weiß, und dazu noch von Willow Creek.

Das Buch dokumentiert in seinem Hauptteil die kirchliche Marktuntersuchung, die von einer Gruppe von Forschern im Auftrag von Willow Creek in einer Reihe von verschiedenen protestantischen Gemeinden in den USA durchgeführt wurde. Abschließend werden praktische Ratschläge gegeben, wie man denn nun mit den Ergebnissen umzugehen habe, um das gewünschte qualitative Wachstum zu bewerkstelligen. Das Ziel ist also, eine Gemeinde so zu strukturieren, daß nicht nur numerisches, sondern auch echtes geistliches Wachstum stattfindet.

[edit] Zweck der Studie: wie sieht eine Kirche aus, in der Glieder geistliches Wachstum erfahren?

[edit] Wie wächst man geistlich?

Wie aber wächst ein Mensch geistlich? Greg Hawkins[3] schreibt im ersten Kapitel des Buches (12):
Wir wissen, daß Gott – und zwar Gott allein – das Leben eines Menschen verändert, wie uns das Phil. 2, 13 lehrt ... Wir können nicht wissen, wie Gott das macht; es ist ein Geheimnis. (How he does that is mysterious and unknowable.) Und Gott verändert jede Person auf eine andere Weise.
Daß Gott geistliches Wachstum allein durch den Heiligen Geist in den Gnadenmitteln wirkt, ist diesen Forschern also offensichtlich nicht bekannt. Eine Vielfalt von, wie Hawkins sich ausdrückt, „kirchlichen Aktivitäten“ – also das, was Menschen in der Kirche und um die Kirche herum tun – ersetzt dann traditionell das, was Gott durch Wort und Sakrament tut.

[edit] Was ist echtes geistliches Wachstum?

Was ist echtes geistliches Wachstum? Die Studie definiert das Ziel solchen Wachstums schlicht, aber anspruchsvoll mit dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (29). Geistliches Wachstum findet also statt, wenn sich eine Person in Richtung auf dieses Doppelgebot hin vervollkommnet. Das ursprüngliche Ziel der Studie wird von Cally Parkinson[4] so formuliert: „Wir wollten Belege für geistliches Wachstum in Leuten finden and dann herausfinden, welche Arten von Aktivitäten oder Umständen dieses geistliche Wachstum auslösen“ (29).

[edit] Kann man geistliches Wachstum messen?

Eine offensichtliche Frage an eine derartige Vorgabe ist natürlich: wie kann man geistliches Wachstum eigentlich objektiv erfassen und messen? Die Antwort wird vom dritten Mitglied der Reveal-Gruppe geliefert, dem Marktforscher Eric Arnson, der zuvor ebenfalls für McKinsey gearbeitet hat und nun sein eigenes Forschungsunternehmen leitet (110). In einem kurzen Beitrag „Kann man das Herz messen?“ (25f.) schreibt er, daß es ihm als professionellem Marktforscher darum geht, hinter offensichtliche Merkmale wie Geschlecht, Alter und Einkommen zu blicken, um zu verstehen, was einen Konsumenten ein bestimmtes Produkt wählen läßt. Dazu bedient er sich psychologischer Methoden, um die „tieferliegenden Fragen“ zu ergründen, die die Konsumenten bewegen, nämlich ihre „Gefühle, Motivationen und Bedürfnisse“. Damit können dann „die unsichtbaren Wirklichkeiten ... gemessen werden, die Menschen veranlassen zu kaufen, was sie kaufen“ (25). Denn es sind Arnson zufolge gerade die Emotionen, die Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen veranlassen (ebd.).

Man fragt sich jedoch: ist christliche Gottes- und Nächstenliebe vor allem Gefühl? Nach 1. Joh. 5, 3 (siehe auch Röm. 13, 10) scheint Liebe doch vor allem das nüchterne Tun der Gebote Gottes zu sein. Und wie steht es mit dem Glauben als dem Baum, an dem die guten Früchte der Liebe / Gebotserfüllung in der Kraft des Heiligen Geistes ganz spontan wachsen (Gal. 5, 6; Matth. 12, 33ff.)? Davon erfährt man bei Willow Creek leider nichts, denn man kann ja nur die Früchte des Geistes „messen“, nicht den Geist oder den Glauben selbst, wovon man sich aber nicht verleiten lassen sollte zu glauben, daß die emotional-verhaltensmäßigen Früchte alles sind. Wo es aber, wie bei Willow Creek, keine echt-biblischen Gnadenmittel gibt, da gibt es weder den Heiligen Geist noch Glauben, aber eben auch keine echte Liebe, nur verübergehende emotionale Zustände: menschliche Begeisterung ersetzt den Heiligen Geist und die christliche Liebe.

Ist also alles nur raffinierte Marktforschung und psychologisch fundierte Betriebswirtschaft? Arnson widerspricht dem, indem er eben das geistliche Wachstum als solches als entscheidenden Unterschied zwischen einer Gemeinde und einem typischen Wirtschaftsunternehmen herausstellt (26). Man könnte also vielleicht sagen, daß der Unterschied zwischen der Kirche und der Wirtschaft lediglich darin besteht, daß unterschiedliche Produkte feilgeboten werden: geistliches Wachstum dort, Waschmittel hier – beides vielleicht als Mittel zum Erreichen innerweltlicher Glückseligkeit? Die psychologischen Methoden, die in der „Grundlagenforschung“ angewandt werden, sind aber, so Arnson, durchaus übertragbar. Es gibt demnach keine spezifisch christliche Anthropologie, die eine spezifisch christliche Psychologie nach sich ziehen würde.

M.a.W., die Erbsünde, aber auch der ständige Kampf des Christen kraft des Heiligen Geistes gegen den alten Adam, die Welt und den Teufel fällt somit von vornherein unter den Tisch. Denn die Erbsünde (oder den Heiligen Geist) kann man mit Mitteln der Vernunft eben nicht messen; man kann sie nicht einmal damit erfassen; man muß sie der Schrift glauben, da sie mehr ist als die Summe von Einzelübertretungen (Art. Sm. III, I, 3; BSLK 434,8-10). Ohne Erbsünde betrachtet ist der vollkommene Christ dann der, der den Herrn und seinen Nächsten in Wort und Tat mit großer Begeisterung liebt. (Und ohne den Hl. Geist ist er der, der das alles aus eigenem, emotionalen Antrieb tut.) Er ist nicht mehr der, der sich ständig selbst anklagt (weil er weiß, daß auch sein bestes Werk eine Todsünde ist), wie das Luther einst formuliert hat, nicht nur in der ersten der 95 Thesen, sondern etwa auch in den Ausführungen zu seinen Thesen für die Leipziger Disputation gegen J. Eck (WA 2, 420,31-33).

[edit] Die Ergebnisse der Studie

[edit] Anhaltendes geistliches Wachstum ist das Resultat von persönlichen geistlichen Praktiken, nicht von bloßer Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen

Zurück zur Studie! Das erste und grundlegende Ergebnis ist, daß häufige Teilnahme an kirchlichen Aktivitäten eben nicht das erwartete steile geistliche Wachstum hervorbringt, weder auf seiten der geistlichen Einstellungen / Emotionen noch auf seiten der geistlichen Aktivitäten wie Spenden (der Zehnte), Evangelisierung oder Dienst am Nächsten (35). Es kristallisierte sich jedoch ein „geistliches Kontinuum“ heraus, das in der Studie in vier Phasen / Zielgruppen eingeteilt wurde. (Daneben gibt es noch zwei weitere Gruppen, die insgesamt immerhin 25% der Befragten ausmachen (47ff.): die, die in der Mitte ihrer Entwicklung auf Grund von Schwierigkeiten steckengeblieben sind, und die, die gegen Ende ihres Wachstums mit der Kirche unzufrieden werden.) Es zeigt sich fernerhin, daß geistliches Wachstum im Sinne des Doppelgebotes nicht von „kirchliche Aktivitäten“, sondern von „einer wachsenden Beziehung zu Jesus Christus“ abhängt: je tiefer diese Beziehung ist, desto größer ist auch das geistliche Wachstum, sowohl in emotionaler wie verhaltensmäßiger Hinsicht (36).

Es zeigte sich weiter, daß das geistliche Wachstum, das von einer „wachsenden Nähe zu Christus“ abhängt, am besten von „persönlichen geistlichen Praktiken“, nicht von solchen in und mit der Gemeinde, gefördert wird, also von Dingen, die man allein praktiziert, wie etwa Gebet, Sündenbekenntnis (nicht Absolution), Schriftlesung und „Hören auf Gott“ (listening to God). (Wiederum werden fromme menschliche Aktivitäten, die ja nicht alle schlecht sind, zu Heilsmitteln hochstilisiert, wie das in den Religionen der Welt geschieht.) Die Kirche ist also vor allem für die Anfänger im christlichen Glauben wichtig, während die fortgeschrittenen Christen diese weit weniger bedürfen und daher oft mit ihr unzufrieden sind. Und hier sehen die Autoren der Studie denn auch den größten Nachholbedarf für die Kirche: wie können wir für die geistlich Fortgeschrittenen relevant bleiben? Die Transformation von geistlicher Elternschaft der Gemeinde zu geistlicher Trainerschaft wird dafür als notwending erachtet (54-56, 65).

[edit] Was hinter dem geistlichen Wachstum steckt: das menschliche Suchen nach Gott

Interessanterweise verkündet die Studie, daß das geistliche Wachstum dem „geistlichen Kontinuum“ entlang nicht etwa vom Heiligen Geist vorangetrieben wird (er ist ja bereits früher durch die Motivationskraft von begeisternden Emotionen ersetzt worden). Die entscheidende Bewegung stammt vielmehr von der Tatsache, daß „der menschliche Geist von Gott dazu geschaffen ist, nach ihm zu suchen ... Dieses tiefe, innere Begehren danach, die geistliche Leere in unserer Seele zu füllen, stellt die Dynamik hinter dem ‚geistlichen Kontinuum’ dar“ (44).

[edit] Implikationen dieses natürlichen Suchens nach Gott für Gottesdienst und Kirche

Diese trotz Röm. 3, 11 behauptete kreatürliche Begabung zu echter Gottessuche macht dann nicht nur die Gestaltung der Gottesdienste verständlich, die Willow Creek am Wochenende gerade für die, die nach Gott suchen, veranstaltet (die „Gläubigen“ treffen sich in der Wochenmitte): sie sind recht arm an expliziter theologischer Lehre, aber durch Jesus-Lieder im Stile von weltlichen Liebesliedern stark emotionalisiert und sollen so wohl die Ablehnung oder Skepsis der Suchenden Jesus gegenüber überwinden und ein emotional positives Verhältnis zu ihm und der Kirche schaffen (Emotionen steuern Verhalten, wie gesehen).

Die natürliche Gottesbegabung erklärt auch die Beobachtung, daß die Kirche für die, die mit ernst Christen sein wollen, immer unwichtiger wird: schließlich seien wir von Gott dazu geschaffen, „zunächst und vor allem in einer wachsenden Beziehung zu ihm zu stehen – und nicht in einer solchen zur Kirche“ (39). So wird also rasch aus einer kirchlichen Not eine theologische Tugend gemacht. Daß man damit den modernen westlichen Individualismus auch gleich noch theologisch überhöht, ist anscheinend keinem aufgefallen: moderne Menschen (seit Zwingli und den radikalen Pietisten) finden geistlichen Individualismus (Religion „im stillen Kämmerlein“ oder wenigstens in der Kleingruppe Gleichgesinnter) eben erbaulicher als kirchliche Frömmigkeit, was auch andere Studien zur religiösen Soziologie Amerikas bestätigt haben.

Eine fehlerhafte Erbsünden- und Gnadenmittellehre (mit letzterer fiel ja, wie gesehen, auch die Pneumatologie dahin) rächt sich auf vielfache Weise nun also auch ekklesiologisch: Der Satz von der Kirche als der lebenslangen Mutter aller Gläubigen (GK II, 42; BSLK 655,2-8) ist diesem Denken ebenso fremd wie der Satz, daß in der christlichen Kirche, eben wegen des alten Adams in den Christen, alles um die Austeilung der Vergebung der Sünden in den Gnadenmitteln herum aufgebaut ist (GK II, 54-56; BSLK 658,10-42). Eine rettende Beziehung zu Christus gibt es eben nicht, wie von den Weltreligionen behauptet, durch das Gebet oder andere fromme Praktiken, die vom Menschen auf Gott zielen, sondern nur durch das Evangelium in Wort und Sakrament (CA III-V; BSLK 54-58). Denn das Gesetz ist ja nicht nur dazu gegeben, um wie ein netter Trainer in freundlich-ermutigender Weise erfolgtes „geistliches Wachstum“ in Wort und Tat festzustellen, sondern vor allem, um hartnäckige geistliche Verkümmerung und Verkrümmung (Sünde), auch und gerade unter fortgeschrittenen Christen, aufzudecken und so jeden menschlichen Stolz zu zerschlagen (Art. Sm. III, II, 4; BSLK 436,5-15). Wo dies nicht klar erkannt wird, da kommt es zu einer verworren-verwirrenden Gleichzeitigkeit von Antinomismus (Sünde wird nicht als solche in aller Tiefe aufgedeckt) und Legalismus (Wachstumssuchende werden auf ihre eigenen frommen Praktiken verwiesen, nicht auf Christus und seinen Geist im Evangelium), wie das bei Willow Creek geschieht, aber auch für die Weltreligionen typisch ist.

[edit] Implikationen der individualistischen Ekklesiologie für den Liebesdienst des Christen

Die Feststellung einer individualistischen Ekklesiologie bleibt zutreffend, selbst wenn der in Frömmigkeit gereifte Individualist sich dann auch wieder zum freiwilligen Dienst am Nächsten bereitfindet (Willow Creek definierte ja geistliche Reife auch durch die Liebe zum Nächsten): Auch hier wird es darum gehen, daß sich das Individuum in freier Wahl in vermeintlich heilen, d.h. neuen und von der Kirche organisierten Gruppen und Veranstaltungen selbst verwirklicht; es wird nicht darum gehen, in den alten, von Gott geschaffenen, aber von Sünde beschädigten Ordnungen (Staat, Kirche, Familie-Wirtschaft) seinen Gott-gegebenen Beruf im Glauben zu ergreifen und zum Wohl des Nächsten treu auszuüben. Auch damit liegt Willow Creek im amerikanischen Trend: man ist bereit, als Freiwilliger seinem Nächsten zu helfen, empfindet aber die bestehenden Institutionen als korrupt und organisiert sich daher basierend auf dem Freiwilligkeitsprinzip lieber in parallelen Gruppen.

[edit] Die Willow Creek Association als Auftraggeberin und Adressatin der Studie und als Modell für zukünftiges Kirche-Sein

Die Reveal-Studie soll vor allem Mitgliedern (Pfarrern, Gemeinden) der o.g. Willow Creek Association dienen. Diese Organisation, die etwa 11000 Mitglieder in den USA und in anderen Ländern hat, ist keine eigene Kirche. Sie wird scheinbar von keinem gemeinsamen Bekenntnis zusammengehalten, da Kirchen verschiedener Bekenntnisse sich hier zusammengeschlossen haben, um in freier Auswahl aus dem reichhaltigen Angebot von den kirchen-bauenden Einsichten von Bill Hybels und seiner Mannschaft zu profitieren. Das suggeriert, daß die Ergebnisse etwa der Reveal-Studie ganz neutral-objektiv sind und daß man sie auch in anderen theologischen Kontexten mit nur wenig Anpassungsarbeit verwenden kann.

Unsere Besprechung hat jedoch aufgezeigt, daß die Studie und ihre Ergebnisse nicht von bestimmten theologischen Grundentscheidungen getrennt werden können. Die Willow Creek Association scheint also doch bestimmte theologische Gemeinsamkeiten aufzuweisen, die die herkömmlichen theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen verdecken oder marginalisieren. So erscheint die Association heute in Amerika als ein leuchtendes Beispiel, dem anscheinend viele Kirchenleitungen nacheifern: Man versteht sich nicht mehr als eine um ein gemeinsames Bekenntnis fest zusammengeschlossene Kirche, die ihr gemeinsames Bekenntnis etwa auch durch eine gemeinsame Liturgie und gemeinsames Liedgut, aber auch durch Kirchenzucht und eine vom gemeinsamen Bekenntnis abhängende Abendmahlsgemeinschaft ausdrückt. Vielmehr sieht man sich als ein Verband lose zusammengebundener und theologisch verschiedenartiger Ortsgemeinden, die, nach Entrichtung ihres Mitgliedsbeitrags, frei aus dem Angebot von unterschiedlichen Programmen, Materialien, Liturgien und Techniken das jeweils für sie am zweckdienlichsten Erscheinende auswählen können.

[edit] Schlußbemerkungen: Meinungsumfragen, Marketing, natürliche Religion und die Kirche

[edit] Meinungsumfragen und das Herz des Menschen

Zum Abschluß noch ein paar weiterführende Beobachtungen: Bill Hybels gründete die Willow Creek Community Church vor etwa 30 Jahren. Auch damals schon vertraute er auf Umfragen, um festzustellen, was die Leute von einer für sie relevanten Kirche erwarten. Damals führte er diese Meinungsforschung noch selbst durch, indem er mit seiner Frau von Tür zu Tür ging und die entsprechenden Fragen stellte. Heute ist das Geld vorhanden, hochbezahlte Spezialisten anzuheuern. Obwohl Willow Creek an die Notwendigkeit der Sündenvergebung glaubt, so scheint man damit nicht die Befürchtung zu verbinden, die Sünde könnte die Erwartungen, die Menschen an die Kirche oder Gott haben, trüben oder entstellen. Man kann die Menschen daher befragen und dann erwarten, nicht nur aufrichtige, sondern auch theologisch normative Antworten zu bekommen. Sie wissen eben als von Gott für Gott geschaffene Individuen auch heute noch, was gut und richtig für sie ist, nicht nur wenn es um Müsliriegel geht, sondern auch wenn das ewige Heil auf dem Spiel steht.

Was die Aufrichtigkeit solcher Umfragen betrifft, so ist bereits seit langem bekannt, daß Menschen, nach religiösen Dingen befragt, regelmäßig die Unwahrheit sagen, indem sie ihre Religiösität oder Frömmigkeit überteiben. Man kann dies getrost als Beleg für die Existenz des überführenden Gewissens abbuchen, sollte es aber auch als Beleg dafür ansehen, daß das menschliche Herz ein „trotzig und verzagt Ding“ ist, das der Mensch mit seinen wissenschaftlichen oder pseudo-wissenschaftlichen Methoden eben nicht ergründen kann (Jer. 17, 9). Der Mensch, gerade der religiöse Mensch, muß sich von Gott selbst in seinem Wort immer wieder sagen lassen, wie es um ihn bestellt ist. Mit der Zuverlässigkeit der Methoden fällt dann natürlich auch die theologische Normativität dahin, die für religiös-kirchliche Meinungsumfragen immer wieder behauptet wird: Es mag ja so sein, daß die Menschen dieses oder jenes glauben, tun oder erwarten; man wird aber, aufgrund des Wortes Gottes, bestimmten Glaubens- oder Erwartungshaltungen und bestimmten als hilfreich erfahrenen Praktiken immer wieder widersprechen müssen, damit die Kirche Kirche bleibt (z.B. Joh. 6, 15; Apg. 1, 6).

[edit] Wider die Ökonomisierung der Kirche

In dem „Betheler Bekenntnis“ vom August 1933, an dem Hermann Sasse und Dietrich Bonhoeffer maßgeblich beteiligt waren, sprechen sich die Autoren gegen eine Vermischung der Gott-gegebenen Ordnungen von Staat, Kirche, Familie-Wirtschaft aus: Sie haben jeweils von Gott bestimmte Aufgaben und Zwecke, aber auch bestimmte Mittel erhalten, um diese Zwecke durch Gottes Gnade auch unter den Bedingungen des Sündenfalls zum Wohl des Nächsten zu verwirklichen. Während damals der „totale Staat“ das bedrängende Problem war, so muß man heute sagen, daß die „totale Wirtschaft“ das Problem zu sein scheint: die völlige Ökonomisierung und damit auch Psychologisierung aller Lebensordnungen wird als Patentrezept zur Lösung aller Probleme angepriesen. Der „totale Staat“ wie die „totale Wirtschaft“ bedürften beide der emotionalen Mobiliserung und Manipulierung der Massen, um zu funktionieren.

Jedenfalls in Amerika – aber auch in dem EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" aus dem Jahr 2006 – werden Wirtschaftsfachleuten Leitkompetenzen über ihren eigentlichen Zuständigkeitsbereich hinaus, etwa in Kirche und Politik, zugebilligt, die sie wegen der Verschiedenenheit der göttlichen Grundordnungen eigentlich gar nicht haben können und auch tatsächlich oft nicht haben. Die von Willow Creek herausgebrachte Reveal-Studie hat dies mehr als deutlich bestätigt. Darüber hinaus ist es ja doch so, daß es in der Regel zu blanker ökonomisch-psychologischer Stümperei führt, wenn Pfarrern durch gutgemeinte Schnellkurse in der Fortbildung (oder bereits während des Studiums) ökonomisch-psychologische Kompetenz antrainiert werden soll: Schuster, bleib bei deinen Leisten! So hat es Gott in seiner arbeitsteiligen Schöpfung gut geordnet.

[edit] Erfolg als Marketing-Strategie theologisch beleuchtet

Was kirchlichen Organisationen wie Willow Creek jedoch trotz dieser im Lichte des Gotteswortes offenbaren Aberrationen immer wieder Aufwind gibt, ist ein auf den ersten Anschein nicht-theologisches Argument, nämlich schlicht und ergreifend ihr beeindruckender Erfolg. Sie haben in enger Tuchfühlung mit potentiellen Käufern ein bestimmtes Produkt entwickelt; und sie verstehen es, dieses Produkt in einer die Massen begeisternden Weise an den Mann / die Frau zu bringen. Im kirchlichen wie im weltlichen Markting geht es schließlich immer wieder darum, den „Kunden“ etwas anzudrehen, von dem sie eigentlich keine Ahnung haben. Das eigentliche Produkt wird daher von ansprechenden Werbemitteln umgeben, die den Kunden direkt-emotional ansprechen, weil der Kunde in der Regel nicht das Bedürfnis hat, ein komplexes Produkt gründlich vor dem Kauf zu untersuchen. Denn wie die Marktforscher wissen: Emotionen, nicht etwa der Heilige Geist oder die Vernunft, motivieren Verhalten. Und am Ende ist breiter Erfolg immer noch die beste Werbung, jedenfalls in demokratisch-marktwirtschaftlichen Gesellschaften und für den entsprechenden Menschentyp: was alle kaufen / glauben / tun, muß irgendwie ja auch gut sein. Denn auch nach dem Fall wissen Menschen – vor allem „Otto Normalverbraucher“ mit seinem „gesunden Menschenverstand“ –, was in jedem Fall gut und richtig ist. So ist auch das nicht-theologische Argument für Willow Creek eigentlich ein höchst theologisches, wenn auch verfehltes Argument.

[edit] Leben in der ecclesia militans: Gottes Kirche unter Kreuz und in Hoffnung, die zeitliche Herrlichkeit der Kapelle des Teufels

Der beträchtliche und blendende Erfolg heterodoxer Kirchen, die immer wieder neue, nur oberflächlich christianisierte Variationen der natürlichen Religion des gefallenen Menschen darstellen, ist nicht neu für die ecclesia militans hier auf Erden. Vor beinahe 470 Jahre schrieb Luther in seiner Schrift zu Konzilien und Kirche: „Da nu der Teuffel sahe, das Gott eine solche heilige Kirche bauet, feiret er nicht und bauet seine Capellen dabey, groesser, denn Gottes Kirche ist“ (WA 50, 644,12f.). So ist es vom Fall der Welt bis zu ihrem Ende, aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit. Und des Herrn Wort zeigt uns ja auch, daß geistliches Wachstum, wenn es sich wirklich an Jesus Christus und seinen Aposteln orientiert (1. Kor. 11, 1), nicht etwa zu einem in zeitlichem Glück friedlich-erfüllten Leben im Kreise der Lieben führt, wie das von den Hochglanzprospekten der (kirchlichen) Werbeagenturen verheißen wird, sondern zu Verfolgung, Trennung, (Selbst-)Haß, Scheitern, Kreuz und Tod, aber eben auch mit Christus zur Auferstehung zu ewiger Herrlichkeit (Matth. 10, 34ff.; 16, 24; Röm. 8, 17; 1. Petr. 4, 13). Wir wandeln schließlich noch im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7).

Die Aufgabe der lutherischen Kirche kann es daher nicht sein, den Willow-Creek-artigen Variationen der natürlichen Religion nun noch ein eigenes, etwa um „Wort und Sakrament“ als Floskel angereichertes Modell der Vermischung von Vernunft und Schrift beiseite zu stellen. Sie ist vielmehr gerufen, treu festzuhalten, was sie hat, und dort radikal Buße zu tun, wo sie es nicht mehr hat (Offb. 3, 3), um so Gottes heiliger und beständiger Kirchbau auf Erden zu bleiben.

[edit] Fußnoten

  1. Hawkins, Greg. Parkinson, Cally. Reveal: Where Are You? With contributions by Eric Arnson, Foreword by Bill Hybels. Barrington, IL: Willow Creek Resources, 2007. ISBN 074419234-X.
  2. Bibliographische Angaben in Fußnote 1.
  3. Er ist Willow Creeks nicht-ordinierter „Exekutiv-Pastor“ mit einem Abschluß in Betriebswirtschaft, jedoch keinem Abschluß in Theologie; zwischen 1986 und 1991 hat er für den Unternehmensberater McKinsey gearbeitet (110).
  4. Sie ist zur Zeit die Marken-Managerin für die Reveal-Initiative der Willow Creek Association, war früher die Pressesprecherin für die Willow Creek Gemeinde und ist gelernte Managerin, die im Versicherungsgewerbe Karriere gemacht hat (110).

[edit] Weitere Links

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